Donnerstag, 19. Mai 2005

»und was würdest du tun?«

Maßnahmen gegen die Gewalt

Als Herr Keuner, der Denkende, sich in einem Saale vor vielen gegen die Gewalt aussprach, merkte er, wie die Leute vor ihm zurückwichen und weggingen. Er blickte sich um und sah hinter sich stehen - die Gewalt.
»Was sagtest du?« fragte ihn die Gewalt. »Ich sprach mich für die Gewalt aus«, antwortete Herr Keuner.
Als Herr Keuner weggegangen war, fragten ihn seine Schüler nach seinem Rückgrat. Herr Keuner antwortete: »Ich habe kein Rückgrat zum Zerschlagen. Gerade ich muß länger leben als die Gewalt.«
Und Herr Keuner erzählte folgende Geschichte:
In die Wohnung des Herrn Egge, der gelernt hatte, nein zu sagen, kam eines Tages in der Zeit der Illegalität ein Agent, der zeigte einen Schein vor, welcher ausgestellt war im Namen derer, die die Stadt beherrschten, und auf dem stand, daß ihm gehören solle jede Wohnung, in die er seinen Fuß setzte; ebenso sollte ihm auch jedes Essen gehören, das er verlange; ebenso sollte ihm auch jeder Mann dienen, den er sähe.
Der Agent setzte sich in einen Stuhl, verlangte Essen, wusch sich, legte sich nieder und fragte mit dem Gesicht zur Wand vor dem Einschlafen: »Wirst du mir dienen?«
Herr Egge deckte ihn mit einer Decke zu, vertrieb die Fliegen, bewachte seinen Schlaf, und wie an diesem Tage gehorchte er ihm sieben Jahre lang. Aber was immer er für ihn tat, eines zu tun hütete er sich wohl: das war, ein Wort zu sagen. Als nun die sieben Jahre herum waren und der Agent dick geworden war vom vielen Essen, Schlafen und Befehlen, starb der Agent. Da wickelte ihn Herr Egge in die verdorbene Decke, schleifte ihn aus dem Haus, wusch das Lager, tünchte die Wände, atmete auf und antwortete: »Nein.«

(quelle: Bertolt Brecht: Geschichten vom Herrn Keuner. frankfurt a.m.: suhrkamp, 1971.)

je älter ich werde, desto besser verstehe ich ihn
desto mehr graut es mir vor mir selbst

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wasserfrau - 16. Dez, 20:51

Interessant, denn diese Geschichte beschäftigt mich seit einiger Zeit absolut. Habe sie gerade gegoogelt und finde sie hier in dem Blog. Hatte sie nur dunkel in Erinnerung, die Rahmenhandlung zum Beispiel gar nicht, nur diese Sache mit dem Agenten selbst und dem späten Nein. Meinte, ich könnte sie optimistisch so interpretieren, dass man auch in schwierigen Zeiten stille halten kann, aber wenigstens der Geist und das Wollen und Nicht-Wollen erhalten bleibt, unverkümmert. Erschrecke aber auch mehr und mehr vor mir selbst und dem Leben, das man dann gezwungen ist zu leben.

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